Kritik Omnia Tempus Habent I Sprech- und Spielstücke von Carl Orff I 76. Festival junger Künstler Bayreuth
Omnia tempus habent
Dr. Frank Piontek, Kulturpublizist - Bayreuth, DAS ZENTRUM, Europasaal, 10. August 2026
Das Festival junger Künstler versteht sich ja auch als ein pädagogisches Festival. Dafür steht vor Allem, aber nicht nur, das Stepping Stone-Programm, in dem junge Leute nicht allein geschäftsmäßige, auch ethische Werte und Fähigkeiten nahegebracht werden, oder anders: Freundlichkeit und Zuvorkommenheit haben noch niemandem geschadet.
Carl Orff war nicht allein ein großer Komponist, ja: ein Schöpfer einer neuen, auf „Tendenzen der 20er Jahre“ – so hieß 1977 eine unvergessliche mehrteilige Ausstellung samt musikalisch-literarisch-politisch-physikalischem (ja: auch physikalischem!) Anhang – basierenden Musikwelt. Er war auch ein großer Musikpädagoge; Musikfreundinnen und -Freunde werden zumindest den Titel seines Schulwerks kennen oder sich an die Schallplattenkassetten erinnern, die zu Lebzeiten Orffs herauskamen: eine Arbeit Orffs und Gunild Keetmans, mit denen sie eine Sammlung schufen, die nach wie vor gebraucht, weiterentwickelt und pädagogisch ins Heute gebracht wird. Dass Musik und Pädagogik so zusammenhängen wie Sprache, Bewegung und Musik: Das war die Grundvoraussetzung, mit der Orff und Keetman in den 20er Jahren begannen, eine Musik zu schaffen, die nicht allein „Musik“ ist. Orff wusste, dass μουσική, zu deutsch: mousikḗ, ein schwer übersetzbares altgriechisches Wort ist, das doch so viel enthält. Dr. Thomas Rösch, Direktor des Orff-Zentrums München, erläutert in seinem Vortrag, der der Performance der “Schauspielstudierenden der Theaterakademie der Hochschule für Musik und Theater, Hamburg” und der “Schlagzeug- und Kompositionsstudierenden der Academia de Muzică ‘Gheorge Dima’ und der Hochschule für Musik und Theater Hamburg” nach einem phonetischen Vorspiel vorangeht – der Orffkenner erzählt uns also zunächst, was es mit Orffs Sprechchören, die im Mittelpunkt des Programm stehen, auf sich hat. Man muss es kurz wiederholen, um die musikpädagogische, musikalische und pädagogische Bedeutung dessen zu begreifen, was folgen wird: Orff ging von der Basis des Rhythmus aus, um den Dreiklang von Vers, Musik und Bewegung einzufassen. Indem er sich – Rösch nennt sie seine Hauptwerke – den drei griechischen Tragödien vom König Ödipus, der Antigone und Prometheus kompositorisch zuwandte, erweckte er die Kunst der Chorlieder zu neuem Leben, denn keine griechische Tragödie wurde vor 2500 Jahren musiklos aufgeführt, ja: Die Musik war elementarer Teil zumindest der Chorlieder. Orff sah also sehr scharf auf die musikalischen Eigenheiten der Sprache; ihm ging es, sagt Rösch, nicht (nur) um den Text, sondern um das einzelne Wort.
Wenn die Hamburger Studentinnen und Studenten den Abend mit der Ursonate des Dadaisten Kurt Schwitters beginnen (“Fümms bö wö tää zää Uu, / Pögiff, / kwii Ee. / Oooooooooooooooooooooooo...”), setzen sie dem Orffschen Sprachmodell und seiner Genauigkeit für die Bedeutung jedes einzelnen Worts (was durchaus nicht im Widerspruch zu den rasenden Ostinati seiner auf einer Linie verlaufenden Melodien steht) das genaue Gegenteil entgegen: bloßes phonetisches Material. Am Ende werden sie, in totalem Kontrast zur vorausgegangenen, diskret eingespielten 1961er-Aufnahme der Vertonung des berühmten “Ungeheuer ist viel”-Chors aus Orffs/Hölderlins Antigone, den Orff-Abend mit einer weiteren Fassung der Schwitters-Sonate abschließen – immerhin im Dreiklang von verformter Sprache, Bewegung und Musik, also hör- und sichtbarem Rhythmus.
Dass es nicht ganz so einfach ist, die einfach scheinenden, instrumental begleiteten Sprechstücke aus seinen letzten Jahren zu interpretieren: Das ist ein interessanter Nebeneffekt pädagogischer Beobachtungen und Tätigkeiten. Magdalena Kolbeck rezitiert Das Märchen von Klein-Flöhchen und Klein-Läuschen, einen hintersinnigen Text aus dem Französischen, die Gruppe der fünf Frauen und vier Männer steht auf der Empore, um Die Jahreszeiten nach des späten Hölderlins Texten (nicht zu verwechseln mit den instrumentalbegleiteten Jahreszeiten aus der Musica Poetica) – mit sehr sehr sehr langen Pausen – streng monolithisch zu sprechen, auch Brod und Wein zu bringen. Rein instrumental wird Gunild Keetmans Ekstatischer Tanz aus dem 5. Band des Schulwerks beigesteuert: kein rhythmisch leichtes Stück, also auch eine gute Übung für Percussionisten. Orffs “Ungeheuer ist der Mensch” aber wird live nicht in seiner Originalfassung (wie auch: bei dem gewaltigen Orchester, das da spielen müsste?), sondern in einer eigenen Interpretation der Studenten und Studentinnen gebracht, was, so der Orff-Kenner, “aus Orffs Sicht legitim ist”, weil er das eigenständige Element bei der Aufführung seiner Musik für Kinder, wie die bearbeitete Schulwerk-Sammlung nach dem 2. Weltkrieg hieß, aus pädagogischen und musikalischen Gründen begrüßt hat.
Die Aufführung ist sprachlich sozusagen klassisch; ich fühle mich ein wenig an die Chorauftritte erinnert, die ich Anfang der 80er Jahre während der drei Abende dauernden Orestie in der Berliner Schaubühne erlebt habe. Zwar sitzen wir im Europasaal nicht auf dem Boden, aber die Studenten gehen durch die Stuhlreihen und sind ganz nah bei uns, während sie, stilistisch durchaus vertraut, Hölderlins Verse skandieren. Zusammen skandieren: Es ist eine schwere Übung, sozusagen Millimeterarbeit am Wort, die hier gut gelingt – bevor das phonetische Material des Dadaisten Kurt Schwitters uns wieder in eine andere Welt führt.
Wie gesagt: Fümms bö wö tää zää Uu, Pögiff, kwii Ee.
Es hat eben alles seine Zeit.
