Zum Haus an der Kaulbachstraße

Im Zuge der Gründung des Orff-Zentrums München benannte das bayerische Finanzministerium als mögliches Dienstgebäude ein staatseigenes Anwesen an der Kaulbachstraße 16. Liselotte Orff und die Carl Orff-Stiftung zeigten sich von diesem Vorschlag nach einer ersten Besichtigung trotz des anstehenden Sanierungsbedarfs spontan überzeugt. In nächster Nähe zur Bayerischen Staatsbibliothek und der Ludwig-Maximilians-Universität gelegen, bietet es heute mit seinen Büro- und Archivräumen, der Bibliothek und einem Veranstaltungssaal sowie dem schönen Garten einen einladenden Rahmen als Forschungs- und Veranstaltungsort.

Erst nachträglich stellte sich heraus, dass das Haus in seiner Geschichte bereits eng mit dem Namen Carl Orffs verbunden war. In dem 1932 von einer Studentenverbindung errichteten Gebäude hatte von 1936 bis 1944 die Günther-Schule ihren Sitz, jene Ausbildungsstätte für Gymnastik, Rhythmik, Musik und Tanz, die Carl Orff zusammen mit Dorothee Günther 1924 gegründet hatte und aus der das Orff-Schulwerk als Elementare Musikübung (1931-34) hervorging.

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Günther-Schule © Carl Orff-Stiftung/Archiv: Orff-Zentrum München

Einige Monate nach der zwangsweisen Schließung der Günther-Schule durch die nationalsozialistischen Machthaber – ein Schicksal, das viele Tanz- und Gymnastikschulen traf – verwüstete ein Bombentreffer im Januar 1945 das Gebäude fast vollständig. 1951 kaufte der Fabrikant Hermann Fink das zerstörte Anwesen und ließ einen Neubau errichten, der in seiner Raumaufteilung eng an das Vorbild des früheren Gebäudes angelehnt war. In das großzügige Haus, das ihm und seiner Frau als privater Wohnsitz mit gewerblich genutzten Räumen diente, lud das Ehepaar bedeutende Künstler zu öffentlichen Konzerten in größerem Kreis.

Die hierfür von Hermann Fink eingebaute »Saal- und Bühnenanlage mit den Spezialtonanlagen« bezeichnete er selbst stolz als »im Bundesgebiet in dieser Form einmalig«, weshalb sie »in zunehmendem Maße von den einschlägigen Landesstellen (Rundfunk, Theater, Künstlergruppen, Orchestern) […] benutzt« werde (Schreiben H. Finks vom 7.10.1953 an das Bayer. Kultusministerium, Bayerisches Hauptstaatsarchiv MK 49749). Beim Verkauf seines Anwesens im Jahr 1965 war im Kaufvertrag allein der Wert der Bühneneinrichtung und der Stereoanlage mit einem Betrag von 310.000 DM beziffert (Grundbuchamt München, Grundbuch „Schönfeld-Vorstadt“, Bd. 38, Bl. 950, Anlage).

Gartenseite des Hauses © Orff-Zentrum München

Gartenseite des Hauses © Orff-Zentrum München

Das Haus, vom Freistaat Bayern erworben, nutzte ab 1967 die Staatliche Hochschule für Fernsehen und Film über 21 Jahre als Lehr- und Verwaltungsgebäude. Bedeutende Regisseure und bekannte Produzenten – darunter Doris Dörrie, Wim Wenders, Alexander Kluge und Bernd Eichinger – absolvierten ihr Studium in diesem Haus.

Nach dem Umzug der Hochschule in bedeutend größere Räumlichkeiten am Stadtrand von München konnte das Haus ab Herbst 1988 für die Zwecke des gerade gegründeten Orff-Zentrums München umgebaut und saniert werden.

Gartenseite des Hauses © Orff-Zentrum München

Gartenseite des Hauses © Orff-Zentrum München