Carl Orff im Bayerischen Rundfunk

Das Forschungs- und Dokumentationsprojekt mit dem Titel »Carl Orff im Bayerischen Rundfunk« wurde auf Anregung des Orff-Zentrums München (OZM) im August 2014 als Kooperation zwischen dem OZM und dem Bayerischen Rundfunk (BR) ins Leben gerufen. Ziel des Projekts ist die möglichst vollständige Erfassung und Dokumentation aller Ton?, Video- und Bildaufnahmen sowie sämtlicher weiterer analog und digital in den Archiven und Datenbanken des BR vorliegenden Dokumenten und Objekten zu Carl Orff und seinem Wirken sowie deren Dokumentation und Bereitstellung für wissenschaftliche Zwecke im OZM. Der wesentliche Fokus liegt dabei auf Dokumenten aus dem Zeitraum bis zum Tod von Carl Orff im Jahr 1982. Dieses Projekt mit seiner alle Archivbereiche des BR einschließenden Bestandsaufnahme zur Zusammenarbeit Carl Orffs mit dem BR liefert nicht nur der wissenschaftlichen Fachforschung eine ertragreiche Material- und Quellen-basis zu diesem Themenkomplex. Er versetzt darüber hinaus den BR in die Lage, einen umfassenden Gesamtüberblick über die eigene Bestandssituation zu einem wichtigen Kapitel seiner Unternehmensgeschichte wie auch der bayerischen Musikgeschichte zu gewinnen.

Die langjährige und stetige Zusammenarbeit Carl Orffs mit dem BR nahm, abgesehen von vereinzelten Rundfunkübertragungen in den 1930er Jahren, im Jahr 1948 ihren Lauf, als die damalige Leiterin des Schulfunks, Annemarie Schambeck, mit dem Gesuch an Orff herantrat, für eine neue Hörfunk-Sendereihe eine auf seinem Schulwerk basierende Musik zu schreiben, die von Kindern selbst gespielt werden könne. Den daraufhin unter Orffs Leitung in fortlaufender Reihe produzierten und bis 1953 ausgestrahlten Sendungen mit Gunild Keetman und Rudolf Kirmeyer wurde rasch ein unerwartet großer Erfolg zuteil. Diese Sendereihe markiert den Ausgangspunkt einer zeitlebens andauernden, intensiven und gleichermaßen symbiotischen Zusammenarbeit Orffs mit dem BR. In den folgenden Dekaden wurden, zumeist unter der künstlerischen Leitung und Regie von Orff selbst und nicht selten unter Beteiligung eines der BR-Klangkörper, im und vom BR nahezu alle Werke des Orffschen Œuvres für Hörfunk- und Fernsehsendungen, für Schallplattenaufnahmen oder im Rahmen von Konzerten produziert.

Der so in den Archiven des BR über die Jahrzehnte gewachsene Materialbestand zu dieser vielfältigen und fruchtbaren Zusammenarbeit erstreckt sich über sämtliche Archivteilbereiche und enthält neben hunderten Tonaufnahmen, Film- und Fernsehaufzeichnungen unter anderem auch Fotos, Pressematerial oder Schriftgut in Form von Produktions- und Sendeunterlagen, Korrespondenz etc. Im Rahmen des Kooperationsprojekts zwischen dem OZM und dem BR wurde versucht, möglichst sämtliche diesen Kontext betreffenden Archivalien aus dem Beständen des BR – soweit dies bis dato noch nicht erfolgt ist – zu erfassen, mit den wesentlichen Metadaten zu dokumentieren und wo möglich zu digitalisieren. Seit August 2014 wurden dafür — zunächst betreut von Dr. Claudia Heine, ab November 2015 von Dr. Tobias Grill — alle BR-Archivabteilungen systematisch und umfassend nach Material zum Kontext Orff durchgesehen und erschlossen.

So wurden etwa zunächst im Schallarchiv des BR alle bis dato lediglich analog vorliegenden Tondokumente zu Eigen- und Koproduktionen des BR aus dem Kontext „Carl Orff“ recherchiert und zur Digitalisierung in Auftrag gegeben. Sämtliche bisweilen noch auf Karteikarten vermerkten Metadaten dazu wurden vollständig geprüft, gegebenenfalls in die BR-Hörfunkdatenbank übertragen und wo nötig überarbeitet und ergänzt. Auch die Metadaten bereits digital vorliegender Tondokumente aus dem Kontext Orff wurden bedarfsweise überprüft, korrigiert und ergänzt. Die Digitalisierung und Bearbeitung dieses Bestands wurde zwischenzeitlich fertiggestellt, so dass im BR nun alle Tondokumente zu Carl Orff mitsamt Metadaten vollständig über die Datenbank recherchier- und abrufbar sind. Insgesamt lassen sich unter den BR-Eigen- und Koproduktionen so aktuell rund 600 Aufnahmen der Sparten Audio-Musik und ?Wort (vollständige Werke, Werkausschnitte, Wortbeiträge etc.) finden, bei denen Carl Orff als alleiniger oder Mit-Urheber verzeichnet ist.

In der Datenbank des BR-Fernseharchivs konnten, beginnend mit den frühesten Aufzeichnungen im Jahr 1956, für den Zeitraum bis 1982 insgesamt rund 140 Produktionen recherchiert werden, die einen Bezug zu Carl Orff und seinem Wirken aufweisen. Die im Rahmen des Kooperationsprojekts umfassend dazu vorgenommenen Bestandsprüfungen haben ergeben, dass für rund 20 % dieser Produktionen im Archiv leider kein Material mehr vorhanden ist – aus dokumentarischen Gründen werden dazu lediglich noch die Datenbanknachweise mitgeführt. Von den verbleibenden Produktionen liegt bis dato nur eine relativ geringe Anzahl bereits in digitaler Form vor. Da zahlreiche technische und konzeptionelle Hürden zu bewältigen sind, gestaltet sich der Digitalisierungsprozess für Filmmaterial sehr aufwändig. Die Digitalisierung der bisher ausschließlich analog vorliegenden Filmproduktionen aus dem Kontext Orff kann daher nur sukzessive erfolgen und wird bis zur endgültigen Fertigstellung noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Ungeachtet dessen sind alle Produktionen über die Datenbank recherchierbar.

Das Historische Archiv des BR sammelt papierbezogenes und elektronisches Schriftgut, Daten, Plakate und Objekte zur Unternehmensgeschichte. Nach einer Vorauswahl grundsätzlich relevanter Provenienz-Bestände aus dem Gesamtbestand von rund 120.000 Akten sowie diverser Nachlässe, Plakate, Fotos etc. und einer erneuten systematischen Selektion potentiell relevanter Archivnummern innerhalb dieser Provenienzen wurden im Rahmen des Kooperationsprojekts über 600 Archivnummern aus 35 verschiedenen Provenienzen vollständig geprüft. Dabei konnten in über 300 Archivnummern nicht weniger als 1900 Einzeldokumente und Dokumentenkonvolute erfasst werden, die einen Bezug zu Carl Orff und seinem Wirken aufweisen – vorwiegend Schriftgut in Form von Produktions- und Sendeunterlagen sowie Korrespondenz zu verschiedensten Produktionen oder Produktionsvorhaben etc. In über 100 der betreffenden Archivnummern wurden sogar erstmals Dokumente mit einem Bezug zum Kontext Orff erfasst und das entsprechende Material damit als solches erstmals konkret such- und findbar gemacht.

Das sogenannte »Papierarchiv« des BR-Bildarchivs (Pressestelle-Foto) umfasst, neben rund 200.000 digitalen, über eine Datenbank erschlossenen Fotos, etwa eine Million analog in Form von Negativen, Papierfotos oder Dias vorliegender Bilder, die in sendungsbezogen thematischen Mappen zusammengefasst sind, sukzessive aber ebenfalls digitalisiert und erschlossen werden sollen. Im Rahmen des Kooperationsprojekts wurde nicht nur der digitale, sondern auch der gesamte analoge Bestand nach Medien mit Bezug zu Carl Orff und seinem Wirken durchgesehen. Dabei konnten insgesamt 26 Mappen mit wertvollem Bildmaterial (rund 1700 Fotos auf Kontaktbögen, Einzelabzügen, Dias oder Negativen) zu diversen Orff-Produktionen seit den frühen 1950er Jahren dokumentiert werden, so unter anderem etwa zu diversen herausragenden Orff-Fernsehproduktionen der 1950er Jahre.

Das BR-Pressearchiv hält analoge und digitale Presseartikel in über 10.000 thematisch und chronologisch sortierten Dossiers aus rund 150 deutschsprachigen Quellen bereit, angefangen von allen überregionalen Tages- und Wochenzeitungen sowie Zeitschriften, über bayerische Regionalpresse bis zu Monatsheften und vierteljährlich erscheinenden Periodika. Sämtliche im BR-Pressearchiv vorliegenden Dossiers zu Carl Orff mit insgesamt rund 800 analogen und digitalen Zeitungsausschnitten aus der Zeit von 1947 bis 2016 wurden im Rahmen des Projekts geprüft, retrodigitalisiert, mit Metadaten erschlossen und verschlagwortet.

Die Recherchen samt Sichtung der Materialien vor Ort in den Archiven des BR konnten zwischenzeitlich weitestgehend abgeschlossen werden. In einer letzten Projektphase werden nun alle relevanten Recherche- und Metadaten aufbereitet, um sie im Rahmen der Benutzungsordnung auch im OZM für wissenschaftliche Recherche- und Forschungszwecke zur Verfügung stellen zu können. Mittelfristig wird dabei auch die Möglichkeit bestehen, zu den projektrelevanten BR-Audio- und ?Videomedien nicht nur die Metadaten zu recherchieren, sondern sogar die Medien selbst über die Datenbank direkt vor Ort im OZM abzuspielen und einzusehen. Es wurde bereits damit begonnen, die betreffenden Daten und Metadaten in eine spezifisch für diese Zwecke konfigurierte Recherchedatenbank zu importieren und integrieren, die der multimedialen Vielfalt der BR-Daten umfassend gerecht wird, sämtliche Daten übersichtlich und nach Provenienz geordnet in nur einer Rechercheoberfläche vereint und diese bei Bedarf in Kombination und nach variablen Suchkriterien in vollem Umfang verfüg- und recherchierbar macht. Die Datenbank befindet sich aktuell noch im Aufbau, es ist jedoch geplant, dass bis spätestens Mitte 2018 genügend Daten aufbereitet und verfügbar sind, um erste Recherchen tätigen zu können.

Dr. Tobias Grill