De temporum fine comoedia

Das Spiel vom Ende der Zeiten

Vigilia (1971/1981)

Texte aus den Sibyllinischen Büchern und den Orphischen Hymnen

Übersetzung von Wolfgang Schadewald

(altgriech., lat., dt.)

Spieldauer: 65 Minuten

Uraufführung der 1. Fassung: 20. August 1973 bei den Salzburger Festspielen, Großes Festspielhaus
Dirigent: Herbert von Karajan – Inszenierung: August Everding – Bühnenbild: Günther Schneider-Siemssen

Uraufführung der endgültigen Fassung: 15. Mai 1994 in Ulm (Deutschland) – Dirigentin: Alicja Mounk – Regie: Michael Simon – Bühnenbild: Anna Eiermann

Inhalt

In einer phantastischen Landschaft schälen sich aus magischem Dunkel neun Sybillen. Wehschreiend sagen sie Gottes Jüngstes Gericht vorher: Grausamste Strafen harren der sündigen Menschen. Hingegen in einer zerklüfteten Felsgegend verweisen neun Einsiedler diese Prophezeiung in das Reich der Ammenmärchen. Die uralten Weisen sehen für das Ende aller Zeit ein Vergeben und Vergessen jeglicher menschlichen und satanischen Schuld. Wann genau dieses Zeitenende sein wird, können allerdings auch sie nicht sagen: Es liegt allein im Wissen und in der Hand des Weltenschöpfers. Die Anachoreten versenken sich in Trance, um in einer Traumvision von Gott dieses Wissen zu erlangen. Und was sie sehen, ist dies:

Das Ende aller Zeiten ist gekommen, in panischer Angst irrlichtern die letzten Menschen über die Erde. Die Sonne scheint nicht mehr; und auch Mond und Sterne sind in ewiger Nacht versunken. Nichts gibt den Angstgepeitschten noch Orientierung. Hilferufe an Gott scheinen im Nichts zu verhallen; und so betteln die Menschen letztlich nur noch: Mach‘ ein Ende! Da öffnen sich die Pforten der Hölle, und wie ein gieriger Drache steigt der Satan vor den aufschreienden Menschen empor.

Aber es kommt gänzlich anders, denn Lucifer bittet Gottvater um Vergebung. Und sie wird ihm gewährt: Ein überirdischer Lichtstrahl von oben entkleidet den Dämon aller höllischen Embleme, verwandelt ihn zurück in die Lichtgestalt von einst. Und während anwachsendes Licht die Erde aufleuchten lässt, verkünden irdische und himmlische Stimmen in ätherischen Klängen den Beginn eines neuen Äons.

Anmerkung

Orff hat den Text zu seinem letzten Bühnenwerk, dessen Titel auf Dantes Divina Commedia anspielt, dessen Untertitel Vigilia an die Nachtwache römischer Soldaten und christlicher Mönche erinnert und dessen visionäre Handlung bis zu mittelalterlichen Mysterienspielen zurückreicht, aus verschiedenen Büchern zusammengestellt, so aus den altgriechischen Sibyllinischen Weissagungen und den spätantiken Orphischen Hymnen. Dabei greift der Dichter-Komponist, wie bereits das Personenverzeichnis andeutet, weltumspannendes, synkretistisches Gedankengut auf: Die Sibyllen gemahnen an die antike griechische Welt; Lucifer evoziert die frühchristliche Offenbarung des Johannes, die Apokalypse; und die Anachoreten lassen mönchische Einsiedler aus dem dritten nachchristlichen Jahrhundert wieder aufleben. Darüber hinaus atmet die Orchesterbesetzung fernöstliche Mystik, etwa in der Verwendung einer japanischen Tempelglocke.

Der Gedanke einer Endzeit-Handlung ist weitestmöglich zurückgenommen. Stattdessen tritt der Gedanke der Endzeit-Vision in den Vordergrund. Die Unfassbarkeit dieser Vision vom Ende aller Zeiten entspricht der Wahl der Sprachen Altgriechisch und Lateinisch – überhöht noch durch eine Sprachlosigkeit, die sich im Urlaut des Schreis äußert.

Ähnlich bilderreich wie die Imagination vom Ende aller Tage ist die oszillierende, schlagwerkfarbige Musik, mit der Orff sein Spiel ausstattet: Sie reicht von flirrenden Klangzügen, harten Interpunktionen und ostinaten Clustern bis hin zu pointilistischen Klangfarbflächen, orchestralen Aufschreien und Klangzeichen als szenische Chiffren. Im Finale hingegen, gänzlich überraschend, schwingt das Werk mit einem innig schwebenden vierstimmigen Violenkanon aus, der J. S. Bachs Choral »Vor deinen Thron tret‘ ich hiemit« in Erinnerung ruft.

Besetzung

Personen: I. Die Sibyllen: Neun Sibyllen · 3 dramatische Soprane, 4 Mezzosoprane, 1 Alt, 1 tiefer Alt – II. Die Anachoreten: Neun Anachoreten · 1 Tenor, 5 Baritone, 2 Bässe, 1 tiefer Bass – III. »Dies illa«: Die letzten Menschen (drei große gemischte Chöre, kleiner Frauenchor im Orchester) – Der Chorführer · Sprecher – Lucifer  · Sprecher – Alt solo, Tenor solo, Knabenstimmen

Orchester: 6 (alle auch Picc.) · 0 · 6 Es-Klar. (1.-3. auch Klar.) · 0 · Kfg. – 6 · 8 · 6 · 1 – P. (auch Holzp.) S. (2 Glsp. · 5 Crot. · 3 Xyl. · 2 Marimba · Metallophon · Gong · Beckenpaar · hg. Beck. · 5 Tamt. · 6 Tamb. · 3 Rührtr. · 3 Tomt. · 6 Cong. · 1 tiefe Cong. · 3 kl. Tr. · 2 gr. Tr. · 3 Darabukka · Dobaci · 5 Bronzegl. · Guiro · Peitsche · Mar. · 6 Kast. · Hyoshigi · Angklung · 3 Holzgl. · 5 Holzbl. · 2 Ratschen · 3 Kirchenratschen · 11 Gläser [od. Glashfe.] · 2 kl. Gl. · Steinspiel) – 3 Hfn. · Cel. · 3 Klav. · Org. · E-Org. – 8 Kb.

Tonband (von den Veranstaltern selbst zu erstellen): Picc. (ad lib.) – 2 Trp. – P. S. (Crot. · Marimba · Gl. · Windmasch.) – 3 Klav. – 3 Kb. – Knabenchor

 

Aufführungsmaterial